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Seit einem Jahr gehöre ich zu der Gruppe der Ganzjahresbader in der Seebadeanstalt Düsternbrook. Mit meinem eigenen Schlüssel kann ich zu jeder Tages- und Nacht-, vor allem aber zu jeder Jahreszeit schwimmen gehen. Seither ist dieser Platz mein Rückzugsort.
Wenn ich viel geprobt oder einfach nur eine Stunde frei habe, komme ich hierher. Ich versuche, es möglichst jeden Tag zu schaffen. Denn wer ganzjährig baden will, muss sich sukzessive auch an die niedrigen Temperaturen gewöhnen. Mein "Kälterekord" liegt derzeit bei drei Grad. Bei solchen Wetterverhältnissen kann man natürlich nur kurz untertauchen.
Ich habe mir eine Technik angewöhnt, um den Körper auszutricksen: Ich denke gar nicht groß darüber nach, was ich gleich vorhabe, sondern steige einfach sofort rein und schwimme ein paar Züge. Mein Körper reagiert erst mit einer gewissen Verzögerung: Sag' mal spinnst du? - Eine Irritation, die man sich selbst zufügt. Aber vielleicht ist es gerade das, was einen aus dem Alltag herauskatapultieren kann: so ein starker Impuls. Ich lasse hinter mir, was ich an schwierigen Gedanken mit mir herumschleppe.
Es ist eine Erfrischung für Körper, Geist und Seele - eine kleine Wassermeditation. Mir war es schon immer wichtig, Orte und Momente zu haben, bei denen ich das Theater Theater sein lasse und zu mir selbst komme. Ich mag auch die verschiedenen Stimmungen, die ich in der Seebadeanstalt miterlebe. Wenn es beispielsweise total neblig verhangen ist, so dass man nicht mehr das Ufer sehen kann, geheimnisvoll wie an einem Ort des Übergangs. Oder wenn der Regen auf das Wasser prasselt, als ob er von oben und unten zugleich kommt. Oder auch wenn der Wind über die Wasseroberfläche prescht.
Natürlich ist es auch bei Sonnenschein wunderbar. Immer spürt man die Kraft der Elemente. Danach stehe ich draußen, friere - selbst im Winter - nicht und fühle eine Verbundenheit mit der Natur. Und dann lächele ich. Das geht allen so. Es ist eine Art kindliche Freude. Geredet wird nicht viel unter den Ganzjahresbadern. Vielleicht mal über das Wetter oder über die Quallen. Aber jeder kann auch für sich bleiben - wie er möchte. Und es gibt auch kein gegenseitiges Geglotze, obwohl man nackt schwimmt. Allen geht es nur darum, ins Wasser zu steigen. Was einer an Land treibt, interessiert hier keinen.
(Quellen: Kieler Nachrichten vom 04.01.2010 Beate Jänicke)
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